Cannabis bei Tourette-Syndrom
Beim Tourette-Syndrom wurden THC-haltige Präparate in kleinen kontrollierten Studien untersucht. Diese Seite beschreibt Ergebnisse und Grenzen, den fehlenden Zulassungsstatus sowie Risiken und etablierte Therapieoptionen.
Diese Seite fasst zusammen, was zu dieser Indikation belegt ist, was offen ist und welche Risiken und Alternativen dazugehören. Sie enthält keine Empfehlung für ein Arzneimittel, keine Produktauswahl und keine Anbieterempfehlung.
Was die Studienlage zeigt — und was offen ist
Was belegt ist
- Kleine randomisierte Studien untersuchten THC bei motorischen und vokalen Tics des Tourette-Syndroms.
Was offen ist
- Die Studienbasis ist klein und die Ergebnisse sind nicht in allen Endpunkten einheitlich.
- Die Daten reichen nicht für eine allgemeine Empfehlung oder eine Aussage über eine langfristige Behandlung.
Verlinkte Studien
- Delta 9-tetrahydrocannabinol (THC) is effective in the treatment of tics in Tourette syndrome
Pharmacopsychiatry · 2003
DOI / Originalquelle ↗ - Cannabinoids for Medical Use: A Systematic Review and Meta-analysis
JAMA · 2015
DOI / Originalquelle ↗ - Cannabinoids in the Treatment of Tourette Syndrome
Current Pharmaceutical Design · 2017
DOI / Originalquelle ↗
Zulassungsstatus und Stellung in der Therapie
Für das Tourette-Syndrom ist kein zugelassenes cannabisbasiertes Fertigarzneimittel als Standardtherapie ausgewiesen. Die Behandlung sollte neurologisch oder psychiatrisch begleitet und in etablierte verhaltenstherapeutische und pharmakologische Verfahren eingeordnet werden.
Risiken, Nebenwirkungen und Gegenanzeigen
Medizinalcannabis ist in Deutschland kein Mittel der ersten Wahl. Es wird in der Regel erst erwogen, wenn etablierte Therapien nicht ausreichend gewirkt haben, nicht vertragen wurden oder nicht in Betracht kommen. Die folgenden Punkte gelten unabhängig von der Indikation:
- Häufige Nebenwirkungen: Schwindel, Müdigkeit, Mundtrockenheit, Konzentrations- und Gedächtnisstörungen, Übelkeit, Appetitveränderung.
- Psychische Risiken: THC kann Angst, Unruhe, Verwirrtheit und psychotische Symptome auslösen oder verstärken. Bei bestehenden oder familiär gehäuften psychotischen Erkrankungen gilt eine Behandlung als kontraindiziert. Das Risiko ist bei Menschen unter 25 Jahren erhöht, weil die Hirnentwicklung noch nicht abgeschlossen ist.
- Herz und Kreislauf: Herzfrequenzanstieg und Blutdruckabfall; Vorsicht bei koronarer Herzkrankheit, Herzrhythmusstörungen und nach Herzinfarkt.
- Schwangerschaft und Stillzeit: Gegenanzeige.
- Abhängigkeit und Toleranz: Bei längerer Anwendung sind Toleranzentwicklung und Entzugssymptome nach Absetzen möglich.
- Wechselwirkungen: THC und CBD werden über CYP3A4 und CYP2C9 verstoffwechselt; Wechselwirkungen mit Sedativa, Antidepressiva, Antikoagulanzien und Antiepileptika sind möglich. Die vollständige Medikationsliste gehört in jedes Erstgespräch.
- Fahrtüchtigkeit: THC beeinträchtigt Reaktionsvermögen und Fahrsicherheit. Für Patient:innen mit ärztlicher Verordnung greift die Ausnahme des § 24a Abs. 2 Satz 3 StVG, solange die Einnahme bestimmungsgemäß erfolgt; die Beurteilung der Fahrsicherheit im Einzelfall bleibt in der eigenen Verantwortung und sollte ärztlich besprochen werden.
Diese Aufzählung ist keine vollständige Fach- oder Gebrauchsinformation und ersetzt kein ärztliches Gespräch.
Indikationsspezifische Risiken
- Bei Tics mit gleichzeitigem Angst-, Depressions- oder Psychoserisiko kann THC die psychische Symptomatik verschlechtern.
- Sedierung und Konzentrationsstörungen können Verhaltenstherapie, Schule, Beruf und Alltag beeinträchtigen.
Etablierte Therapiealternativen
Kostenübernahme durch die Krankenkasse
Die gesetzliche Krankenversicherung kann die Kosten nach § 31 Abs. 6 SGB V übernehmen. Voraussetzung ist ein Antrag der behandelnden Ärztin oder des behandelnden Arztes vor Behandlungsbeginn; die Krankenkasse entscheidet im Einzelfall. Ohne Genehmigung tragen Patient:innen die Kosten selbst.
Rechtlicher Rahmen
Cannabis zu medizinischen Zwecken ist nach § 3 Abs. 1 des Medizinal-Cannabisgesetzes (MedCanG) ein verschreibungspflichtiges Arzneimittel und darf ausschließlich von Ärztinnen und Ärzten verordnet werden. Cannabisblüten sind kein zugelassenes Fertigarzneimittel; die Verordnung erfolgt als Rezepturarzneimittel auf Grundlage der ärztlichen Therapieentscheidung. Ob im Einzelfall eine Behandlung mit Cannabis infrage kommt, entscheidet ausschließlich die behandelnde Ärztin oder der behandelnde Arzt nach Anamnese, Diagnose und Abwägung der Alternativen. Die Angaben auf dieser Seite sind allgemeine Information, keine Behandlungsempfehlung und keine Aufforderung, eine bestimmte Verordnung zu verlangen.
Häufige Fragen
Ist Cannabis bei Tourette zugelassen? +
Wie sicher sind die Studienergebnisse? +
Quellen und Datenstand
- Müller-Vahl et al., Delta 9-tetrahydrocannabinol (THC) in Tourette syndrome — Pharmacopsychiatry (2003) ↗ · Abruf: 2026-09-06
- Whiting et al., Cannabinoids for Medical Use: A Systematic Review and Meta-analysis — JAMA (2015) ↗ · Abruf: 2026-09-06
- Müller-Vahl, Cannabinoids in the Treatment of Tourette Syndrome — Current Pharmaceutical Design (2017) ↗ · Abruf: 2026-09-06
- G-BA — Richtlinie zur Verordnung von Cannabis nach § 31 Absatz 6 SGB V ↗ · Abruf: 2026-09-06
- BfArM — Arzneimittelinformationen ↗ · Abruf: 2026-09-06
- Gesetze im Internet — MedCanG § 3 ↗ · Abruf: 2026-09-06
Cannabis bei Tourette-Syndrom: Tic-Reduktion in Studien
Medizinisches Cannabis bei Tourette-Syndrom: aktuelle Studienlage zu Tic-Reduktion mit THC, ärztliche Praxis – ohne Heilversprechen.